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Wenn das Vertrauen fehlt: Psychologische Fehler bei Reformprozessen
(21.09.2004)
Was haben Hartz IV und Unternehmensfusionen gemeinsam? Notwendige Reform- prozesse treffen häufig auf erhebliche Widerstände, die eine Folge psychologischer Fehler von Politik und Management sind. In ihrem Artikel „Reformen? – Ja, aber…“ (Psychologie Heute, 10/2004) geht Eva Tenzer der Frage nach, wie Reformprozesse aus psychologischer Sicht kommuniziert und begleitet werden müssen, um Widerstände abzubauen und Akzeptanz zu schaffen.
Aktuelle Meinungsumfragen zeigen, dass die Mehrheit der Bundesbürger umfassende Reformen für notwendig hält. Andererseits ist in Ost und West eine vehemente Verweigerungshaltung zu beobachten, sobald es um konkrete Maßnahmen wie Gesundheitsreform oder Hartz IV geht. Diese widersprüchliche Haltung, so der Artikel, ist in massiven Zweifeln an den langfristigen positiven Auswirkungen der beschlossenen Reformen begründet. Fehlt das Vertrauen der Betroffenen in eine bessere Zukunft, so werden Veränderungen als bedrohlich erlebt und abgelehnt. Dies gilt für Reformprozesse in der Politik und in Unternehmen gleichermaßen.
Politiker und Manager sollten zum einen konsequenter das für Veränderungen not- wendige Vertrauen in eine kompetente Führung schaffen. Standhaftigkeit, Fairness, Ehrlichkeit und Einfühlungsvermögen ermöglichen eine nachhaltige Vertrauens- bildung. Auch kann es sehr hilfreich sein, wenn Politiker und Führungskräfte bei der Umsetzung von Maßnahmen selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Zum anderen gilt es, die so genannte Selbstwirksamkeit, d.h. das Vertrauen in die persönliche Kompetenz und die eigenen Einflussmöglichkeiten bei allen Beteiligten zu stärken. Bei Veränderungsprozessen in Unternehmen gelingt dies am besten, wenn Mitarbeiter von Anfang an in den Prozess einbezogen werden und diesen mit gestalten können.
Der lesenswerte Artikel trifft den Kern des Problems vieler Reformprozesse in Politik und Wirtschaft, die aktuell in Medien und Öffentlichkeit diskutiert werden. So ist es der Vertrauensbildung und dem gemeinsamen Engagement für notwendige Veränderun- gen sicher nicht besonders zuträglich, wenn Unternehmen Lohnverzicht und längere Arbeitszeiten mit der Drohung, ins Ausland abzuwandern, erpressen. Auch wirkt der Appell der Führungsetagen an die Mitarbeiter, finanzielle Abstriche für eine gesicherte Zukunft in Kauf zu nehmen, vor dem Hintergrund der Debatte um astronomische Abfindungen und Managergehälter unglaubwürdig.
In der Politik zeigen die jüngsten Wahlergebnisse in Sachsen und Brandenburg überdeutlich, dass die großen Volksparteien viel Vertrauen verspielt haben. In Zeiten, in denen die Angst vor Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg durch alle Bevölkerungs- schichten geistert, haben es rechtsextreme Parteien beängstigend leicht, die Frustration und Unsicherheit vieler Wähler für ihre Zwecke zu nutzen. Wo gemeldete Erfolge der Arbeitsmarktreformen sich derzeit darauf beschränken, moderne Arbeitsagenturen vorzustellen, in denen Arbeitslose ab sofort Kunden heißen und von eigens dafür abgestellten Mitarbeitern persönlich begrüßt werden, hält sich der Glaube an eine bessere Zukunft wohl vorerst in Grenzen.
Doch wie können Politiker und Führungskräfte in Zeiten existenzieller Krisen und Unsicherheit offen und ehrlich sein und gleichzeitig den Glauben an eine sichere Zukunft vermitteln? Sicherlich nicht durch inflationäre Versprechungen, die letztlich nicht gehalten werden können. Glaubwürdigkeit und Vertrauen entstehen, wenn die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft Risiken und Unwägbarkeiten realistisch darstellen, anstatt die Betroffenen in falscher Sicherheit zu wiegen. In einer komplexen Welt, in der es nun einmal nicht für alles Sicherheiten gibt, hängt der Glaube an eine positive Zukunft entscheidend von der Fähigkeit ab, auftretende Krisen kompetent und flexibel zu bewältigen.
Diese Kompetenz wünschen wir uns zu Recht von Politikern und Führungskräften, doch machen wir es uns allzu bequem, wenn wir nicht bei uns selbst anfangen. Der Weg aus dem Jammertal führt nicht über Schuldzuweisungen, und der Anspruch, irgendjemand möge doch bitte alle Probleme lösen und die Welt schöner machen, zieht ein Gefühl leidender Hilflosigkeit nach sich. Zuversicht und Sicherheit erwachsen für den Einzelnen vielmehr aus der persönlichen Erfahrung, auch schwierige Situationen selbst meistern zu können – und damit sind wir wieder bei dem zentralen psychologischen Konzept der Selbstwirksamkeit. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Einflussmöglichkeiten eröffnet neue Perspektiven und Handlungs- spielräume. Diese Kompetenz gilt es zu erproben und zu entwickeln, damit Veränderungsprozesse erfolgreich gestaltet und Gewandelte zu Wandlern werden können.
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